Rechtspopulismus

February 20th, 2010

Mein Lieblingspodcast HR2 Der Tag hat schon vor einiger Zeit unter dem Titel „Die vaterländischen Gesellen“ eine hörenswerte Sendung über die Gefahren des Rechtspopulismus gemacht, die mir aktueller denn je erscheinen. Ich möchte daher kurz umreißen, was Rechtspopulismus ist, damit man ihn leichter erkennen und sich dagegen immunisieren kann. Außerdem möchte ich zeigen, warum die Piratenpartei für Rechtspopulismus empfänglich ist und wieso ich trotzdem die Hoffnung habe, dass für Rechtspopulisten in ihr kein Platz ist.

Populismus

Der Wikipedia-Artikel zu Populismus stellt sehr schön dar, um was es geht: Es werden (einfache) politische „Gewissheiten“ proklamiert, die leicht Anhänger finden (also populär sind). Diese „Gewissheiten“ appellieren an Gefühl und beruhen auf Stereotypisierungen und anderen Scheinargumenten (zum Thema Scheinargumentation empfehle ich Brian Dunnings Ausführungen Teil 1 und Teil 2). Um ohne inhaltliche Argumente zu überzeugen, arbeiten Populisten oft mit rhetorischen Tricks. Hier ein paar Beispiele aus unterschiedlichen politischen Lagern:

  • Als Argument für Video- und Online-Überwachung sagte Angela Merkel: „Wir werden nicht zulassen, dass technisch manches möglich ist, aber der Staat es nicht nutzt …“ Selbstverständlich darf der Staat (womit hier eigentlich die Polizei gemeint ist) nicht alles nutzen, was technisch möglich ist. Dass Schlägereien durch Videoüberwachung nicht verhindert werden können, zeigt die Münchner U-Bahn-Schlägerei, die Merkel als Argument für die Videoüberwachung heranzieht. Die Problematik der Wahrung einer Privatsphäre und der Persönlichkeitsrechte sind ausgeblendet. Die doppelte Negation ist ein rhetorischer Trick („Wir werden nicht zulassen, dass […] der Staat es nicht nutzt.“), es handelt sich um eine Abschwächung (Litotes), denn eigentlich ist mit der Nichtzulassung der Nichtnutzung die Forderung nach einer Nutzung gemeint.
  • „Leistung muss sich wieder lohnen.“ Diese einfache Formulierung ist sehr wirkungsvoll, aber es ist eine populistische Formel, vor allem weil sie unterstellt, dass sich Leistung zur Zeit nicht lohne, was ja offensichtlich nicht stimmt. Es wird hier unterschwellig an ein Neidgefühl appelliert. Das Operieren mit einer solchen indirekten Unterstellung, die in der Linguistik als Präsupposition bezeichnet werden, ist oft erst auf den zweiten Blick zu durchschauen.
  • Die Forderung nach einem „sauberen Internet“ ist populistisch, weil sie unterstellt, dass das Internet schmutzig ist (Präsupposition). Das ist es aber bestenfalls metaphorisch zu verstehen. Wichtige Fragen wie Netzneutralität, Informationsfreiheit und Zensur werden dabei ausgeblendet.
  • „Reichtum besteuern!“ ist eine populistische Forderung, denn sie enthält die Unterstellung, dass Reichtum steuerfrei sei. Auch wenn es keine Vermögenssteuer gibt, ist es nicht richtig, dass Reiche keine Steuern zahlen. Aber auch die Forderung nach höheren Steuern für Reiche ist populistisch, denn es ist völlig unklar, was das für Steuern sein sollen (womöglich eine Mischung aus Vermögens- und Einkommenssteuer) und wer als reich gilt – unterstellt wird, dass es sich bei den „Reichen“ um eine Minderheit handelt, zu der die Angesprochenen nicht gehören.
  • „Kinder statt Inder“: Zunächst wird hier eine Forderung auf Kosten einer Minderheit aufgestellt. Das ist typisch für populistische Forderungen und wurde auch schon bei „Reichtum besteuern!“ deutlich (auch „Leistung muss sich wieder lohnen.“ enthält in der Präsupposition eine subtile Anspielung auf eine Minderheit von belohnten Nicht-Leistungsträgern). Die Idee, dass durch eine höhere Geburtenrate die Sozialsysteme „gesunden“, ist bei näherer Betrachtung irrig, denn die größere Kinderzahl belastet zumindest vorübergehend die Sozialsysteme sehr stark – womöglich sogar langfristig, wenn aufgrund schlechter Bildungschancen diese Kinder kaum Zugang zu einkommensstarker Arbeit haben.

Populismus – egal aus welcher politischen Richtung – ist immer abzulehnen. Allerdings ist es manchmal nötig, in der politischen Kommunikation griffige Formulierungen zu verwenden. Wenn hinter den Formulierungen entsprechende inhaltliche Argumente stehen, ist ihre Verwendung auch unproblematisch. Zudem kann Populismus aufgehoben werden, indem Paradoxien verwendet werden, die zwar griffig formuliert sind, aber zum Nachdenken anregen über die Komplexität der Inhalte. Ein schönes Beispiel für eine solche Paradoxie ist: „Keine Macht für niemand!“

Rechtspopulismus

Eine politische Einteilung in „rechts“ und „links“ ist schwierig, da diese Termini Unterschiedliches bedeuten können (Politisches Spektrum, ausführlicher in der Wikipedia). In dem Kompositum Rechtspopulismus ist mit „rechts“ der autoritäre Pol des politischen Kompass’ gemeint (vergleiche die Definition in der Wikipedia). Folgende typische „Gewissheiten“ werden von Rechtspopulisten proklamiert:

  • das Recht der Mehrheit („des Stärkeren“): Rechtspopulisten unterstellen, die Mehrheit habe immer Recht, Minderheitenrechte werden ausgeblendet bzw. haben gegenüber dem Mehrheitsrecht zurückzutreten. In diesem Zusammenhang taucht auch oft die Forderung nach direkter Demokratie auf. Obwohl eine Ausweitung demokratischer Partizipation wünschenswert ist, kann direkte Demokratie aber nicht verabsolutiert werden, denn alle legislativen Entscheidungen werden durch Grundrechte beschränkt und Minderheitsschutz ist konstitutiv für die Demokratie. Im Nationalsozialismus wurde (Un-) Recht geschaffen unter Berufung auf ein gesundes Volksempfinden, rechtspopulistisch weichgespült heißt das jetzt: die Weisheit der Vielen. Dieses Konzept hat allerdings mit demokratischen Prozessen nichts zu tun.
  • der Ruf nach dem (starken) Staat: Rechtspopulisten rufen oft nach staatlicher Intervention: anstatt auf individuelle Verantwortung zu setzen, sollen Freiräume reguliert werden („sauberes Internet“, Videoüberwachung usw.), Verbrechensprävention und Strafrechtsverschärfungen gehören ebenfalls zu den immer wiederkehrenden rechtspopulistischen Forderungen. Allerdings beschränkt sich der Ruf nach staatlicher Intervention nicht auf die Innenpolitik; nationale (oder europäische) Abschottung und Kriegstreiberei gehören ebenfalls ins rechtspopulistische Arsenal.
  • Schuldzuweisung an eine Minderheit (Sündenbock): komplexe gesellschaftliche Probleme werden dadurch vereinfacht, dass einer Minderheit die Schuld an Missständen oder einer Krise zugewiesen wird. Dabei wird die Gruppe der Sündenböcke durch Verallgemeinerungen erst konstruiert: im Mittelalter die Hexen, um die Jahrhundertwende in Deutschland die schwule Kamarilla, „die“ Juden, „die“ Türken, „die“ Moslems. Um die Diskriminierung einer Minderheit zu rechtfertigen, verweisen Rechtspopulisten gern auf die Rechte einer anderen (konstruierten) Minderheit: Beim Schweizer Minarettstreit waren es vorgeblich muslimische Frauen, deren Freiheit stellvertretend erkämpft werden sollte, und eine islamophobe Haltung wird gern projüdisch begründet.

… und die Piratenpartei

Wie ist es möglich, dass aus der Piratenpartei – wenn auch nur von Einzelnen – rechtspopulistische Töne zu vernehmen sind? Die Partei ist ja insgesamt eher dem sozial-liberalen bzw. libertären Spektrum zuzuordnen (Libertarismus).

  1. Viele Piraten sind in die Partei eingetreten mit dem festen Vorsatz, ihre individuelle Meinung nicht einer Parteilinie zu opfern. Da die Meinungsfreiheit von allen sehr ernst genommen wird, bietet die Partei auch ein Forum für Außenseitermeinungen – zum Beispiel aus der politisch rechten Ecke. Da jede Form von „Gedankenpolizei“ unerwünscht ist, kann es passieren, dass solche Meinungsäußerungen sogar von Leuten verteidigt werden, die im Grunde eine andere Meinung haben. Das kommt in der Außenkommunikation dann missverständlich an. Die Toleranz gegenüber Heterodoxie jedweder Prägung macht die Partei interessant für Leute, die nicht-mehrheitsfähige Meinungen vertreten. Das linkspopulistische Spektrum findet sich allerdings eher in der Linkspartei wieder, die in der Hinsicht sicher ähnliche Probleme hat.
  2. Die vorherrschenden Kommunikationsformen insbesondere des Microbloggings oder anonymer kurzer Blog-Kommentare begünstigen plakative Formulierungen und Vereinfachungen und sind somit auch ein Einfallstor für Populismus. Da linkspopulistische Ansichten – wie oben ausgeführt – schon von der Linkspartei „abgeschöpft“ werden, fallen rechtspopulistische Äußerungen stärker auf.
  3. Die Piratenpartei ist mit dem Vorsatz angetreten, die demokratische Partizipation zu erweitern. Auf die Problematik direktdemokratischer Ansätze ist oben schon hingewiesen worden (dazu ausführlicher Andi Popp): die Forderung nach direkter Demokratie findet sich auch bei Rechtspopulisten. Allerdings gehen die Vorstellungen dahingehend auseinander, dass die Piratenpartei komplexere Ansätze der Partizipation fordert, wie vor allem den direkten Parlamentarismus.

Ich habe die Hoffnung, dass sich die Piratenpartei sehr leicht gegen Rechtspopulismus immunisieren wird. Ich setze dabei vor allem auf die Nerds, die ja einen Großteil der Parteibasis ausmachen: Nerds gehen den Dingen auf den Grund, und das gilt eben nicht nur für Technik. Sie lassen sich daher nicht einfach mit oberflächlichem Populismus abspeisen. Zudem sind Nerds – und auch die Nicht-Nerds unter den Piraten – sehr individualistisch und verfolgen Lebensentwürfe, die sich im weitesten Sinn als queer bezeichnen lassen. Libertärer Individualismus ist mit rechtpopulistischen „Gewissheiten“ unvereinbar.

Berlinale II: הזמן הוורוד

February 19th, 2010

Gestern habe ich dann den in meinem vorletzten Blogpost angekündigten Dokumentarfilm הזמן הוורוד (Hazman havarod, Gay Days) aus Israel gesehen. Er schildert die Entwicklung der Schwulen- und Lesbenszene in Israel bis 1998. Eine Fortsetzung ist geplant. Der Film ist sehr humorvoll, und trotz der bisweilen sehr ernsten Thematik verliert er nie seinen Optimismus und seine Heiterkeit.

Besonders faszinierend an dem Film ist es, die Protagonisten in alten Filmaufnahmen oder Fotos und heute zu sehen. Ihre persönliche Entwicklung, wie auch die rasante Entwicklung einer zunächst sehr homophoben Gesellschaft, ist beeindruckend. Überhaupt ist die Mischung aus Interviews und Filmmaterial sehr gelungen. Dabei sieht man auch eine Menge von Ausschnitten aus anderen israelischen Filmen. Der Film endet leider schon 1998, also vor 12 Jahren. Der Grund dafür ist, dass Regisseur und Produzenten dort den Höhepunkt der israelischen Schwulen- und Lesbenbewegung sehen, nämlich in den Ereignissen um den Sieg von Dana International beim Eurovision Song Contest 1998 (in Israel sei das so etwas wie der Oscar oder der Nobelpreis, sagt jemand im Film). Die Fortsetzung wird dann sicher trauriger enden, da ja im letzten Jahr einen mörderischen Anschlag auf ein Coming-Out-Zentrum in Tel Aviv gab.

Der Dokumentarfilm ist vor allem deshalb sehenswert, weil seine Botschaft ein allgemeines Plädoyer gegen Hass und Intoleranz ist. Ich freue mich daher auch schon jetzt auf die Fortsetzung.

Piratiger Aschermittwoch

February 18th, 2010
Piratiger Aschermittwoch

Am diesjährigen Aschermittwoch fand erstmalig ein bundesweiter „piratiger Aschermittwoch“ in Ingolstadt statt. Das ist das Pendant zum politischen Aschermittwoch der Internet-Ausdrucker, dessen Geschichte hr2 Der Tag sehr mitreißend erzählt.

Ich fand die professionell organisierte Veranstaltung sehr interessant. Alle Reden waren hervorragend: besonders gut gefallen hat mir die Rede von Alex Bock – vor allem wegen des souveränen Vortragstils. Der Vertreter der Jungen Piraten hat eindrucksvoll bewiesen, dass das Wahlalter dringend gesenkt werden muss, denn er war besser als der durchschnittliche Dampfplauderer der Altparteien.

Sehr zünftig war die Rede von Benjamin Stöcker (links im Bild), die mir sehr gefallen hat. Von meiner Rede gibt es eine Textfassung. Die Gelegenheit, mal mit den anderen Parteien umfassend abzurechnen, macht gehörig Spaß, das Ingolstädter Bier ist auch lecker und die Leute sind sehr nett; das mussten selbst die angereisten Berliner anerkennen, und die tun sich ja in Bayern immer etwas schwer. Alle werden gern wiederkommen.

Update: Inzwischen gibt es auch die Videoaufzeichnungen.

Berlinale

February 14th, 2010
Berlinale Bear in the Snow

Knapp über dem Schnee watet hier der Berlinale-Bär. Heute habe ich mich gleich mal ins Getümmel gestürzt und war in einem Film, nämlich in Весельчаки (englisch: Jolly Fellows). Der Episodenfilm (Filmtrailer ohne Untertitel) erzählt vom Leben verschiedener Drag Queens in Moskau. Ich hätte ihm die Höchstnote gegeben, wäre da nicht das völlig unangebrachte Ende gewesen. Man hatte wirklich das Gefühl, der Drehbuchautor habe keine Einfälle mehr. Das Ende ist überraschend tragisch und fast schon ärgerlich. Das gab einen Punktabzug.

Nächste Woche möchte ich mir noch den Dokumentarfilm הזמן הוורוד (englisch: Gay Days) ansehen, in dem es um die Entwicklung der israelischen Schwulenbewegung geht (der Titel müsste eigentlich – wie auch die israelische Schwulenzeitschrift – Pink Days heißen, dazu leider nur die hebräische Wikipedia). Mal sehen, ob es wieder so leicht sein wird, an Karten zu kommen.

Lange Museumsnacht

February 1st, 2010
Brandburg Gate Engraving

In der Nacht von Samstag auf Sonntag war in Berlin wieder mal eine Lange Nacht der Museen. Diesmal schaffte ich es endlich (nachdem ich das schon 10 Jahre geplant hatte), ins Märkische Museum zu gehen. Das ist das Museum für Berliner Stadtgeschichte. Die Ausstellung zu den wichtigen Straßenzügen (Stalinallee, Nollendorfplatz usw.) ist sehr interessant, weil Architektur, Kunst, Historisches miteinander verwoben werden. Wissenschaftlich mag ich so einen Kultur-Mix ja nicht so gern, aber für ein Museum ist das sehr gut geeignet, weil es für den Betrachter einfach sehr abwechslungsreich ist und neue Sichtweisen eröffnet. Die Führung auf den Spuren des weltreisenden Alexander von Humboldt hat mir sehr gefallen. Da Alexander von Humboldt ja sozusagen die Leitfigur dieser Museumsnacht war, hatte ich es darauf angelegt, diese Führung mitzumachen, und bin nicht enttäuscht worden. Dafür spielte die im Museum auftretende Band etwas sehr laut. Das Besondere an den Museumsnächten ist ja immer, dass an vielen Standorten Musik, Speisen und Getränke angeboten werden. Die Veranstalter sollten aber nicht vergessen, dass ein Museum eben ein Museum ist, wo sich die Leute vor allem eben auf das museale konzentrieren wollen.

Vom Märkischen Museum ging es dann nach Charlottenburg, wo wir uns das Bröhan-Museum ansahen. Das Jugendstil-Museum wird einem allerdings schnell langweilig, wenn man kein großer Fan von Vasen und Keramik ist. Dass zum Beispiel praktisch keine Architektur vorkommt, finde ich sehr schade. Gegenüber im Stülerbau ist jetzt die Sammlung Scharf-Gerstenberg, die ich sehr empfehlen kann. Dort konnte man in der Langen Nacht sogar selbst künstlerisch tätig werden. So fertigte ich (auf Styropor) einen Stich vom Brandenburger Tor an, der hier auch abgebildet ist. Außerdem versuchte ich mich (weniger erfolgreich) an Abklatsch und Frottage. Besonders interessant war es, im Anschluss an die praktischen Übungen eine Führung mitzumachen, in der die Techniken anhand der Werke alter und neuerer Meister vorgestellt wurden.

Danach besichtigte unsere kleine Gruppe noch das nahe gelegene und daher nahe liegende Schloss Charlottenburg, und schon war es fast zwei. Die Lange Nacht ist also eigentlich gar nicht so lang!

Die sieben Todsünden des Powerpoint

January 14th, 2010

Da ich mich immer wieder über Powerpoint-Präsentationen aufregen muss, habe ich hier mal die sieben Todsünden solcher Präsentationen aufgeführt, in der Hoffnung, dass mancher die eine oder andere zukünftig vermeidet. Und da Todsünden nur richtig lasterhaft sind, wenn sie einen lateinischen Namen haben, habe ich auch lateinische Namen dazu erfunden oder aus dem mittelalterlichen Lasterkatalog übernommen.

Heller Hintergrund (fundus albus)

In einem abgedunkelten Hörsaal flammt ein weißer Hintergrund auf der großen Leinwand auf und blendet die Zuschauer. Auf dem blendend-weißen Hintergrund erscheinen dann oft noch wenig kontrastreiche Farben. Die Augen ermüden schnell, und der Vortrag ist oft nur im wörtlichen Sinn „erhellend“.

Farben (colores)

Sinnvoll und sparsam eingesetzt können die richtigen Farben der Hervorhebung dienen. Leider werden Farben oft willkürlich eingesetzt und sind nicht kontrastreich genug oder zu dunkel bzw. zu hell (bei hellem Hintergrund). Ich bin zudem leicht rot-grün-blind (wie übrigens sehr viele Menschen!). Dummerweise werden aber Ampelfarben gern bedeutungsvoll eingesetzt.

Maßlosigkeit, Völlerei (gula)

Manche Folien sind randvoll mit Text (oft in kleiner Schriftart, damit noch alles passt) und der Zuschauer kommt mit dem Lesen nicht nach. In Ausnahmefällen kann natürlich mal Kontext angegeben werden, wenn ein kurzer Textausschnitt dabei hervorgehoben wird, aber sonst ist Textfülle unerträglich. Eine andere Form von Maßlosigkeit liegt vor, wenn in wenigen Minuten zig Folien durchgezogen werden, so dass fast der Eindruck eines Films entsteht. Wenn dann nur wenige Minuten Zeit sind, zwei bis drei Lambda-Kalküle mental zu „parsen“, freut sich das Publikum (die Beobachtung beruht auf einer wahren Begebenheit: über 100 Folien mit Lambda-Kalkülen in 60 min!).

Animierte Schriften (animatio)

Ich erinnere mich an den Vortrag eines Didaktikers, in dem Text nach und nach mit Geräusch in die Folien purzelte. Das war am Anfang noch ganz witzig, verlor aber seinen Reiz und viel Zeit. Außerdem lenkte es vom Inhalt ab. Ich erinnere mich nur noch an die Präsentation, sogar das Thema ist mir entfallen.

Ablesen der Folien (lectura)

Manche Vortragende lesen einfach ihre Folien vor, als ob das Publikum das nicht selbst könnte. Selbstverständlich soll auf den Folien das eine oder oder andere wichtige Schlagwort von dem stehen, was der Vortragende sagt, aber einfaches Ablesen der Folien wird schnell monoton.

Abschweifung (vagatio)

Wahrscheinlich um die zuletzt genannte Todsünde zu vermeiden, schreiben manche Referenten auf ihre Folien etwas völlig anderes als das, was sie erzählen. Für nur bedingt multitasking-fähige Zuhörer wie mich ist das dann wirklich die Hölle, gleichzeitig zuhören und lesen zu müssen.

Verstecken (latitio)

Manche Vortragende gefallen sich darin, eine Folie zu zeigen, die völlig leer ist und auf der nach und nach immer mehr eingeblendet wird. Ich fühle mich als Zuschauer dabei immer gegängelt, weil ich nicht gleich das Gesamtbild sehen kann. Außerdem kann es schnell langweilig werden, wenn man sieht, dass da noch sehr viel kommen muss.

Sicher gibt es noch viel mehr, was man falsch machen kann. Viele Fehler lassen sich vermeiden, wenn man ein vernünftiges Programm benutzt (und eben nicht Powerpoint). LaTeX Beamer ist zum Beispiel eine große Hilfe – oder Keynote für die Apple-Gemeinde. Allerdings bewahren auch die besten Programme nicht vor jedem Laster.

Jahresrückblick 2009

January 3rd, 2010

2009 war für mich außergewöhnlich, was besonders daran lag, dass ich mir eine völlig neue Möglichkeit erschloss, Politik zu machen. Aber der Reihe nach: Da ich im Sommersemester ein Forschungsfreisemester hatte, ergriff ich die Gelegenheit, noch kurz vor Beginn des Sommersemesters als Gastwissenschaftler die Universität Caen in Frankreich zu besuchen. Da dort gerade heftig gestreikt wurde, hatte ich viel Gelegenheit mit französischen Wissenschaftlern und Studierenden über Bildungspolitik zu diskutieren, was sehr interessant war, gerade in Hinblick auf die späteren Bildungsproteste in Deutschland. Das Forschungssemester erlaubte es mir auch, wieder mehr zum Baskischen zu arbeiten und ein neues Forschungsprojekt zum Sprachkontakt in Galicien zu starten.

Durch mein Engagement im Chaos Computer Club war ich 2009 viel in Sachen IT-Grundrechte unterwegs, vor allem ab dem Frühjahr gegen das gefährliche Zensurerleichterungsgesetz. So war ich einer der Vertreter des „Internet“, als Martin Dörmann und Kajo Wasserhövel für die SPD zum Gespräch über das Gesetzesvorhaben einluden. Durch den positiven Eindruck eines Seminars über Freiheit und Sicherheit bei der Georg-von-Vollmar-Akademie in Kochel am See hatte ich die vage Hoffnung, man könne die SPD von diesem hochproblematischen Gesetz abbringen. Weit gefehlt: die SPD war zum Zeitpunkt des Gesprächs nicht im Geringsten bereit, sich zu bewegen und wollte nur verkünden, sich um die Einwände aus dem „Internet“ bemüht zu haben. Jedenfalls löste die Aktion und besonders die anschließende Pressemitteilung der SPD bei mir ein Wutgefühl im Bauch aus, und ich überlegte, wie es weitergehen sollte: Sich weiter über die Politik zu ärgern, erschien mir schon gesundheitlich der falsche Weg. So entschloss ich mich, in die Piratenpartei einzutreten, und muss sagen: es hat sich gelohnt! Ich habe ein bisschen was bewegen können, ein neues Sprachrohr gefunden und sehr viele neue und nette Mitstreiter kennen gelernt. Jeder Entgleisung auf Seiten der Internetausdrucker (leider ist der Begriff irrelevant für die deutsche Wikipedia) brauche ich jetzt nur noch mit „Fazialpalmierung“ zu begegnen und kann mich darüber freuen, dass sie wahrscheinlich den Zulauf bei den Piraten erhöht.

Der Piratenwahlkampf war eine interessante Erfahrung, weil mir dadurch klar wurde, wie Politik an der Basis offline funktioniert. Außerdem lernt man beim lokalen Wahlkampf auch sehr viel über die Gegend, in der man wohnt. Sehr wichtig ist für mich die Umsetzung des partizipativen Parlamentarismus, der neue Möglichkeiten in der Politik eröffnet – unabhängig von „Parteigegruschel“.

Im Sommer wollte ich eigentlich zur HAR2009 und anschließend zur Wikimania reisen, was ich aber beides unterließ, weil ich im Juli heftige Rückenprobleme bekommen habe, die aber dank stetiger Physiotherapie jetzt hoffentlich nicht wieder auftreten werden. Zum Glück konnte ich mich als die Rückenprobleme besser geworden waren in Berlin gut ablenken, weil das Wetter ins Strandbad Wannsee lud und natürlich auch der Wahlkampf in die heiße Phase kam.

So beschränkte sich meine Reisetätigkeit auf Kurzreisen zu verschiedenen Veranstaltungen der Erfa-Kreisen und Chaostreffs des CCC, aber die SigInt in Köln entschädigte durchaus für die verpasste HAR (Köln liegt ja auch fast in NL). Im September ging es dann noch eine Woche nach Slowenien zu einem Fachkongress über Dialektologie. Es war sehr eindrucksvoll, dieses schöne Land neu zu entdecken, wo ich seit der Wende nicht mehr war.

Der Herbst war sehr arbeitsreich, besonders weil ein Riesenberg Klausuren zu korrigieren war, so dass kaum Zeit für andere Aktivitäten blieb. Zwischendurch gab es Kurzauftritte bei Studienwahl.tv und Breitband und natürlich die Vorbereitung auf den Chaos Communication Congress. Dort hielt ich wieder einen Vortrag, der offenbar gut ankam. Da aber das Thema Zensursula eigentlich durch ist, wird er bestimmt nicht so viel Echo finden wie der Vorjahresvortrag über Neusprech.

Interessanterweise hat sich 2009 auch mein Internet-Kommunikationsverhalten grundlegend geändert (was wohl auch mit der Anschaffung eines iPhone zusammenhängt): Während ich vorher Informationen im Netz meist über RSS erhalten habe (und immer weniger über E-Mail), verfolge ich RSS-Feeds gar nicht mehr, sondern verlasse mich auf Mikroblogging. Das funktioniert deutlich besser, weil wichtige Informationen wiederholt „getickert“ werden, was das „Aufmerksamkeitsmanagement“ erleichert. Daneben spielt Jabber eine sehr wichtige Rolle in meiner Kommunikation, während E-Mail für mich wegen des Informationsüberflusses fast nicht mehr verwendbar ist (das auch als Hinweis für diejenigen, die noch auf eine Antwort warten). Ich weiß leider noch nicht, wie ich das E-Mail-Problem gelöst bekomme. Mikroblogging ist wohl inzwischen das neue Leitmedium, was sich auch darin zeigt, dass viele Leute (und auch ich) weniger „makrobloggen“.

My favorites 2009

January 2nd, 2010
  • best movie I saw in 2009: Primer, a must-see low-budget cult movie on time traveling,
  • best TV series: Seinfeld: this is not a new series, but I got the complete collection only this year (thanks to hukl), and enjoyed it so much!
  • best book I read in 2009: A Most Wanted Man by John le Carré, a most plausible story about post-cold-war espionage in Germany,
  • best podcast, as in 2008 & 2007: Der Tag, on Hessischer Rundfunk; this year’s best episode: Yo-ho und ne Buddel voll Bits (Yo-ho and a bottle of bits),
  • best Compact Disk I bought in 2009: I can hardly believe I didn’t buy any; obviously, the age of the CD is over,
  • best music I discovered in 2009: Dave Van Ronk’s songs;
  • in June 2009, I finally bought an iPhone, so here’s the best App I found so far: iThoughts, a very practical mindmapping tool, which made me rediscover mindmapping.

Bildungsproteste

November 20th, 2009

Im Januar dieses Jahres hatte ich zusammen mit einem Kollegen eine Podiumsdiskussion zur notwendigen Reform des Bologna-Reformen veranstaltet, die leider nur sehr schwach besucht war. Dass nun im gleichen Hörsaal die studentischen Protestveranstaltungen stattfinden, freut mich da natürlich besonders. Es ist ganz wichtig, dass sich die Studierenden rühren, denn Professorenprotest verhallt bei den derzeitigen Bildungspolitikern größtenteils ungehört – Millionen protestierender Studenten haben da sicher einen anderen Effekt.

Und wieder geben sich Politiker merkbefreit – selbst solche, die es von Amts wegen eigentlich wissen sollten: Bildungsministerin Annette Schavan hat eben noch die Dynamik des Bologna-Prozesses gelobt und stellt jetzt angesichts der Proteste eine BAFöG-Erhöhung in Aussicht. Eine BAFöG-Erhöhung ist sicher überfällig, aber darum geht es doch den protestierenden Studenten gar nicht – jedenfalls nicht in erster Linie. Der Vorsitzende des RCDS, der nun wirklich wissen sollte, worum es geht, versteht die Ziele des Protestes nicht und hält die Aktionen für „Bequeme Fundamentalkritik“. Damit reiht er sich ein in die Riege der Internetausdrucker, obwohl man bezweifeln kann, dass er sich die im Netz unter dem Internet-Mem #unibrennt aufgeflammte Diskussion ausgedruckt hat – zur Kenntnis genommen hat er sie jedenfalls nicht.

Worum es eigentlich geht, fasst Julian Nida-Rümelin in einem Fernsehinterview sehr treffend zusammen: Gemessen an ihren eigenen Ansprüchen ist die Bologna-Reform in Deutschland komplett gescheitert, jetzt muss es darum gehen, die Reform zu reformieren. Nida-Rümelin fordert im Übrigen eine Verdoppelung der Bildungsausgaben. Wenn ich mir die finanzielle Situation der Hochschulen – selbst im reichen Bayern – anschaue, muss ich davon ausgehen, dass eine Verdoppelung hier kaum, in manchen norddeutschen Ländern mit Sicherheit nicht reichen wird.

Neben der Reform der Bologna-Reformen und der Steigerung der Bildungsausgaben müssen weitere Verbesserungen durchgesetzt werden:

  • Vor allem die prekären (und oft fehlenden) Arbeitsbedingungen für den wissenschaftlichen Nachwuchs und den akademischen Mittelbau müssen dringend verbessert und das Lehrdeputat für alle in Forschung und Lehre tätigen Universitätsangehörigen verringert werden.
  • Außerdem dürfen Wissenschaftler grundsätzlich nicht für wissenschaftsfremde Tätigkeiten in Anspruch genommen werden wie Evaluationen, Akkreditierungen, Verwaltungs- und Managementaufgaben (die über die sicherlich notwendige akademische Selbstverwaltung hinausgehen).
  • Die Willensbildung innerhalb der Hochschule muss von den Lehrenden und Studierenden ausgehen, und darf nicht externen Hochschulräten und einem Lean-Management überlassen werden.
  • Die anonyme Gängelung von Studierenden durch Hochschulinformationssysteme, die diesen Namen nicht verdienen, muss ein Ende haben.

Ich bin zuversichtlich, dass sich aufgrund der unüberhörbaren Proteste jetzt tatsächlich etwas ändern wird.

Halloween

November 2nd, 2009

Neueren Erkenntnissen zufolge soll Halloween auf eine von Martin Luther gestiftete Tradition namens Halo Wahen zurückgehen. Das erklärt wohl auch den Feiertag in Brandenburg, den die S-Bahn Berlin in diesem Jahr bei der Planung des Sonderfahrplans offenbar übersehen hatte. Jedenfalls stapelten sich am Samstag gruselig gekleidete Brandenburger in Kurzzügen.

Jedes Jahr vergesse ich es wieder, mich aus dem Staub zu machen oder wenigstens mit genügend Schokolade einzudecken, um dem Trick-or-treating gewappnet zu sein. Ich habe ja im letzten Jahr der ersten Gruppe eine Tafel Milka gegeben, was sich wohl schnell herumgesprochen hatte, denn ich konnte mich des Ansturms danach nicht mehr erwehren. Irgendwann drohten meine Süßigkeiten dem Ende zuzugehen. Ich hatte noch einen Tux aus Schokolade, den mir begeisterte Linux-Freunde geschenkt hatten und dessen Verzehr ich nicht übers Herz gebracht hatte. Auch ihn musste ich preisgeben.

Dann hatte ich wirklich keine Süßigkeiten mehr, was nicht ganz so schlimm war, da das Alter der Halloweener gegen Abend allmählich stieg. Ich begann also, als Nächstes meine Sammlung bunter T-Shirts aufzulösen und gab ihnen noch ein paar AOL-CDs dazu (da die heute nicht mehr bekannt sind, wurden sie für wertvoll gehalten). Da ich befürchten musste, auch mein letztes Hemd herausgeben zu müssen, entschloss ich mich dann doch zur Flucht. Auf der Straße lief ich Freddy Krueger in die Arme, der mich zur Herausgabe meiner Halspastillen zwang; jetzt weiß ich auch, warum er relevant genug für die deutsche Wikipedia ist – leider ohne Bild. Unter den Linden (statt Unter den Ulmen) wirkte er kaum deplatziert.

In diesem Jahr liefen auffällig viele Leute mit Staubschutzanzügen herum (möglicherweise hatten sie ja andere Kleidungsstücke verschenken müssen). Die Staubschutzanzüge – zum Teil mit roter Farbe befleckt – waren wohl von der letzten Partie Killerschach übrig geblieben.

Den diesjährigen Halloween-Abend verbrachte ich im Café Voland, das ja – passend zum Tag – nach dem Voland aus Der Meister und Margarita benannt ist. Bei Live-Musik und einer ukrainischen Borschtsch-Spezialität stieß ich mit einem Балтика № 4 «Оригинальное» auf das Wohl der großartigen Verka Serduchka an. Das verlieh mir Mut für die Begegnungen mit Jason Voorhees, Angela Franklin, Imhotep und anderen „Irrelevanten“, die mir auf dem Rückweg nicht erspart blieben.

Mein Fazit: Nicht nur Hunde sollten Halloween meiden!